Der Gnadensee
Der Gnadensee bildet den östlichen Teil des Untersees und gehört zu den stilleren, aber eindrucksvollsten Landschaftsräumen des Bodensees.
Zwischen Allensbach im Norden und der Insel Reichenau im Süden erstreckt sich ein Gewässer, das Natur, Geschichte und Legenden auf besondere Weise miteinander verbindet. Im Westen reicht der See bis zur Halbinsel Mettnau bei Radolfzell, während er im Osten an das Wollmatinger Ried grenzt – eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete Mitteleuropas – sowie an den Reichenaudamm mit seiner weithin sichtbaren Pappelallee.
Geologisch betrachtet ist der Gnadensee ein vergleichsweise junger Teil des Bodensees. Erst vor wenigen tausend Jahren senkte sich der Wasserspiegel durch Erosion ab, wodurch sich der Bodensee in Obersee und Untersee teilte. In dieser Phase entstand auch die heutige Landschaft mit der Insel Reichenau, die den Gnadensee vom Seerhein trennt.
Der Untersee gliedert sich in drei Bereiche: den Gnadensee, den Zeller See mit dem Markelfinger Winkel und den durchfließenden Rhein in Richtung Schweiz. Bei klarer Sicht öffnet sich hier eine beeindruckende Kulisse, in der die Schweizer Alpen, die Halbinsel Höri und die markanten Kegel der Hegau‑Vulkane wie eine natürliche Bühne wirken.
Mit einer maximalen Tiefe von 19 Metern ist der Gnadensee zwar kein tiefes Gewässer, doch ökologisch von großer Bedeutung. Besonders das angrenzende Wollmatinger Ried ist ein Hotspot für die Vogelwelt: unzählige Wasservögel nutzen das Gebiet als Rast‑ und Überwinterungsplatz, und zu jeder Jahreszeit lassen sich faszinierende Naturschauspiele beobachten. Unter der Wasseroberfläche liegen zudem stille Zeugen der Menschheitsgeschichte.
Nahe dem Strandbad Allensbach befinden sich jungsteinzeitliche Pfahlbauten aus dem 5. bis 1. Jahrtausend vor Christus – Teil des UNESCO‑Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ und ein archäologisches Archiv von unschätzbarem Wert.
Der äußerste nordwestliche Teil des Gnadensees trägt den Namen Markelfinger Winkel. Zusammen mit diesem umfasst der See rund 13 Quadratkilometer. Die geschützte Lage, die flachen Uferzonen und die reiche Tierwelt machen diesen Bereich zu einem beliebten Ziel für Naturfreunde, Spaziergänger und Fotografen.
Seinen Namen verdankt der Gnadensee einer Legende, die eng mit der Geschichte der Klosterinsel Reichenau verbunden ist. Im Mittelalter durften Todesurteile zwar auf der Insel gefällt, jedoch nur auf dem Festland vollstreckt werden, da die Insel als heiliger Boden galt. Wurde ein Verurteilter mit dem Boot nach Allensbach gebracht, konnte der Abt ihn noch begnadigen. Läutete während der Überfahrt ein Glöcklein, galt der Verurteilte als gerettet – der Henker am Festland musste die Vollstreckung einstellen. So erzählt es die Überlieferung, und seither trägt der Seeteil zwischen Reichenau und Allensbach den Namen Gnadensee.
Heute ist der Gnadensee ein Ort der Ruhe und Weite, ein See, der Naturerlebnis, Kulturgeschichte und landschaftliche Schönheit auf besondere Weise vereint. Wer hier unterwegs ist, spürt schnell, warum dieser Teil des Bodensees so viele Menschen fasziniert – und warum er trotz seiner Zurückhaltung zu den eindrucksvollsten Landschaftsräumen der Region gehört.